Aderlass

aus Mittelalter Lexikon, der freien Wissensdatenbank

Aderlass (mhd. aderlaz[unge]; lat. venaesectio; grch. phlebotomia). Ein im MA. häufig angewandtes Verfahren zur Prophylaxe und Therapie einer Vielzahl von Leiden sowie zur Diagnose (s. Blutschau). Dabei wurde die über einer Ligatur ("Lassbinde") gestaute Vene mit dem "laz-isen" (auch vliedel, vliedeme, vlieme; v. lat. phlebotamum = Aderlasseisen, Fliete) geöffnet. Welche Ader bei welchem Leiden zu "schlagen" sei, war in Aderlassbüchern oder an ®Aderlassmännchen (auch Lassmännchen) nachzusehen. (Zitat: "Es ist auch eine Ader auff dem zeigfinger, die Anatomici nennen sie Salvatellam. Dieselbe schlägt man auf der rechten Hand in Verstopfung der Lebern und auf der linken in Verstopfung der Miltz.") Für den Zeitpunkt und Intensität der Prozedur waren astrologische und jahreszeitliche Aspekte sowie Alter, Geschlecht, Lebensweise des Patienten und das Stadium der Krankheit zu beachten. Dem Aderlassen (wie dem ®Schröpfen) lag die Idee zugrunde, dass mit dem genommenen Blut dem Körper krankmachende Säfte (livores venena; materia peccans) entzogen würden, bzw. dass das richtige Verhältnis der Körpersäfte wiederhergestellt werde. Da man das Blutvolumen des menschlichen Körpers überschätzte (Annahmen reichten bis zu 24 Liter), und gemäß der Überzeugung, dass der Blutvorrat sich bald wieder auffülle, kam es bei drastischen Aderlässen zu Ohnmachts- und auch zu Todesfällen. (Bei einer Gesamtblutmenge von 4 bis 5 l enthält der Körper eine zirkulierende Menge von etwa 3,5 l, wovon bis zu 30% ohne bleibenden Schaden entzogen werden können.) Die hl. Hildegard empfiehlt (in „Causae et curae“), bei einem gesunden, kräftigen Menschen einmal vierteljährlich etwa so viel Blut zu entziehen, wie ein durstiger ausgewachsener Mann auf einen Zug Wasser trinken kann [ca. 100 – 200 ml], bei körperlich Schwachen ein- bis zweimal jährlich so viel, wie ein Ei von gewöhnlicher Größe fassen kann [ca. 50 ml]). Hildegard gibt neben vielen Anweisungen zu Aderlass und Schröpfen auch Regeln, wie man sich nach dem Aderlass zu verhalten habe und solche, nach denen die Beschaffenheit des entzogenen Blutes zur Prognostik herangezogen werden konnte („Von der Verschiedenheit des Blutkuchens“). In Klöstern wurde die Kunst des Venenschlagens im Ärztehaus (domus medicorum) ausgeübt, und zwar vom ®infirmarius, vom 11. Jh. an von einem der Klosterministerialen (minutor, phlebotomator, sanguinator), dem nebenbei noch andere Aufgaben oblagen. Manch einer der Brüder ließ sich schon deshalb schröpfen, um danach in den Genuss kräftigenden Aderlassweins und feinen Weißbrots zu kommen. In den Städten wurde das Aderlassen von speziellen "Venenschlagern" (Phlebotomisten, phlebotomarii), von Badern, Barbieren und Wundärzten geübt. Das Aderlassblut musste an einem geeigneten „reinen“ Ort oder in fließendes Gewässer entsorgt werden. Blut kranker Personen setzte man gelegentlich einem Hund zum Fraß vor, was die Übertragung der Krankheit auf das Tier bewirken sollte. Insgesamt wurde mit dem Aderlass schrecklicher Missbrauch betrieben, und die Vorteile standen in keinem Verhältnis zu den angerichteten Schäden. (s. Blutstillung; Aderlass beim Tier: s. Tierheilkunde)

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